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Was ist mit den versprochenen 4,1 Milliarden $ passiert, die Nepals Erdbeben-Opfer zugesagt wurden?

in Welt

Am 12. Januar 2010 kamen bei einem verheerenden Erdbeben mehr als 220.000 Menschen ums Leben, mehr als 300.000 überlebende Erdbebenopfer sind heute verstümmelt; außerdem verloren ungefähr 1,5 Millionen Menschen auf Haiti ihr Leben. Als Zeichen einer humanitären Geste gaben Millionen Spender auf der ganzen Welt dem amerikanischen Roten Kreuz (American Red Cross) ungefähr eine halbe Milliarde Dollar, um die Haitianer beim Wiederaufbau zu unterstützen. Aber laut einer Investigation des NPR (National Public Radio) weiß niemand so genau, wohin das Geld eigentlich geflossen ist.

Am 25. April 2015 ereignete sich ein furchtbares Erdbeben in Nepal. Dabei kamen beinahe 9.000 Menschen ums Leben; mindestens 22.000 wurden verletzt; und die Leben von ungefähr 2,8 Millionen Menschen wurden davon beeinflusst. Trotz der 4,1 Milliarden Dollar Hilfsgelder von ausländischen Spendern liegt Nepal ein Jahr nach der verheerenden Katastrophe immer noch in Ruinen. Der Wiederaufbau hat bislang nur ansatzweise begonnen und Hunderttausende sind immer noch heimatlos.

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Wird es den Erdbebenopfern in Nepal so gehen wie den Haitianern?

Der 35 Jahre alte Bibhusan Bista hat deshalb OpenNepal auf die Beine gestellt. Es ist der Versuch, mehr Transparenz für die Menschen, die Organisationen und die Länder zu schaffen, die Nepal Geld zusichern. Die Online-Plattform unterstützt dabei, Hilfsgelder nachzuverfolgen, die in das Land einfließen; egal, ob das versprochene Geld bereits gespendet wurde oder noch auf den Bankkonten der Spender liegt; und deckt auf, was mit dem Geld geschieht, das Nepal letztendlich erreicht.

Laut TakePart fördert OpenNepal die Transparenz bei Hilfsgeldern und die Verantwortlichkeit, indem es Bürgern dazu die Möglichkeit gibt, auf die Rohdaten hinter den Überschriften zuzugreifen, für Analysen tiefer hineinzugehen und die Behauptungen unabhängig zu verifizieren. Die Vereinigten Staaten haben zum Beispiel 130 Millionen Dollar an Projekte zur Sanierung und Rekonstruktion von Nepal nach dem Erdbeben gespendet. Die Plattform OpenNepal hat die NROs und Regierungsagenturen ermittelt, die diese Gelder bekommen haben. Zusätzlich dazu gibt es Links zu den entsprechenden Pressemitteilungen und Nachrichtenartikeln, um weitere Details zu erfahren.

OpenNepal ermächtigt die Menschen, indem es ein Abbild davon liefert, wie das Geld in Nepals Projekte zum Wiederaufbau und der Rekonstruktion einfließt. Das Projekt unterstützt damit Transparenz in Zeiten großer Not. Wir möchten die Fehler von Haiti nicht noch einmal wiederholen.“

Nepalese people rest in their makeshift shelter next to a road in Kathmandu on April 27, 2015, two days after a 7.8 magnitude earthquake hit Nepal. International aid groups and governments intensified efforts to get rescuers and supplies into earthquake-hit Nepal on April 26, but severed communications and landslides in the Himalayan nation posed formidable challenges to the relief effort. AFP PHOTO / PRAKASH SINGH (Photo credit should read PRAKASH SINGH/AFP/Getty Images)

Im Jahr 2012 startete Bista, der CEO von Young Innovations, die Plattform AidStream – ein Portal, das NROs, Hilfsorganisationen und staatlichen Spendern dabei hilft, ihre Daten transparent zu veröffentlichen; und zwar in Übereinstimmung mit dem Standard der International Aid Transparency Initiative (internationale Initiative zur Transparenz bei Hilfe). Obwohl AirStream von mehr als 470 Organisationen weltweit bereits übernommen wurd e- dazu gehören etwa Oxfam, das Rote Kreuz und die Bill & Melinda Gates-Stiftung – verwendet keine der aktuellen NROs und Hilfsorganisationen AidStream in Nepal; mit Ausnahme des britischen Roten Kreuzes.

„Das ist eine erhebliche Hürde für die Transparenz und die Verantwortlichkeit, weil mehr als 30.000 Hilfsorganisationen in Nepal tätig sind. Diese Zahl wird in den kommenden Monaten nur noch steigen, weil laufend neue Organisationen ihre Hilfe anbieten.“

Trotz der Versicherungen des Premierministers Sushil Koirala – er sagte, die nepalesische Regierung „werde jeden Stein umdrehen, um sicherzustellen, dass die Unterstützung die jeweils auserkorenen Begünstigten erreicht“ – sind die 4,1 Milliarden Dollar bis jetzt größtenteils noch nicht abgerufen geschweige denn ausgegeben worden. Im März 2016 berichtete The Global Post, dass die offiziellen Prozesse zur Rekonstruktion in Nepal soweit eingestellt worden sind, dass Nepal bis zu diesem Zeitpunkt nicht einen einzigen Dollar dieser 4,1 Milliarden verwendet hatte, die von anderen Ländern, von den Vereinten Nationen, der Weltbank und anderen internationalen Organisationen zugesagt worden waren. Das Geld sollte dabei helfen, langfristige zur Verbesserung der Situation beizutragen.

Tatsächlich können von den viel besungenen zugesagten 4,1 Milliarden Dollar ein Jahr später nur 3,7 Milliarden aufgespürt werden.

Niemand weiß wirklich, wie viel Geld reinkommt und was damit geschieht. Der wichtigste Punkt ist, dass der Wiederaufbau noch nicht begonnen hat. Wir werden mindestens die nächsten vier oder fünf Jahre noch wiederaufbauen; und dann brauchen wir die Daten, die Zusagen, den Einsatz… So dass wir den Weg des Geldes verfolgen können und Verantwortlichkeit und Transparenz haben.“

Trotz der großen Bemühungen von Bista hallt in Nepal bereits das Echo der verfehlten Hilfezusagen aus Haiti wieder. Die Nationale Wiederaufbaubehörde sagt, dass nur ungefähr eine Milliarde Dollar von den Zusagen über 4,1 Milliarden Dollar tatsächlich übergeben worden sind. Von den eingezahlten Beträgen, fügt die Behörde hinzu, sind dann wiederum nur ungefähr 615 Millionen tatsächlich in Nepal verfügbar – von Spendern wie der Weltbank, von der Asiatischen Entwicklungsbank und von der japanischen Stelle für internationale Zusammenarbeit.

Das ist noch längst nicht alles. In einem Bericht, der von Aid Works veröffentlicht wurde heißt es, dass mehrere Organisationen für dieselbe Aktivität Lorbeeren einheimsen und dass sie im Grunde „dieselbe Hilfe vierfach geltend machen“. Emily Troutman schrieb dazu:

„Eine Organisation zahlt für den Helikopter, eine andere Organisation stellt die Leute ein, die den LKW fahren und dann zahlt eine dritte Organisation für die Planen. Alle drei Organisationen heimsen die Lorbeeren dafür ein, dass sie ‚Schutzraum bereitstellen‘. Die Schutzraum-Koordinatoren in Nepal weisen darauf hin, dass bis heute 762.000 Menschen irgendeine Art des Schutzes erhalten haben, sei es ein in Form von einem Zelt oder einer Plane. Ich habe die Behauptungen auf den jeweiligen Websites und aus den Pressemitteilungen der 45 wichtigsten in Nepal tätigen Organisationen verglichen. Sie behaupten, dass sie bislang 3 Millionen Menschen mit ihren Planen erreicht haben.“

Renu Sharma betreibt die Frauenstiftung in Nepal; auch sie hat an dieser Stelle etwas hinzuzufügen: „Das [Erbeben] war eine Naturkatastrophe, aber die humanitäre Katastrophe ist weitaus schlimmer.“

Übersetzt aus dem Englischen von AnonHQ.com.


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