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London: Erschütternde Kunstausstellung zeigt die brutale Realität weiblicher Genitalverstümmelung

in Menschenrechte

Laut der Weltgesundheitsorganisation WHO haben mehr als 200 Millionen der heute lebenden Mädchen und Frauen weltweit eine Frauenbeschneidung (female genital mutilation, FGM) über sich ergehen lassen müssen; dabei wurden auch ihre Menschenrechte beschnitten. Aber bevor ihr jetzt davon ausgeht, dass sich diese erschütternde Praktik auf die Länder in Afrika, dem Nahen Osten und Asien beschränkt, sei euch gesagt: Die Zentren für Krankheitskontrolle und Prävention (CDC) schätzen, dass alleine 513.000 Frauen und Mädchen, die in den Vereinigten Staaten leben, Gefahr laufen einer Frauenbeschneidung zum Opfer zu fallen. Das Vereinigte Königreich bleibt auch nicht verschont: Medizinkonzerne, Gewerkschaften und Menschenrechtsorganisationen schätzen, dass es derzeit in England und Wales 66.000 Opfer der unmenschlichen Prozedur gibt.

Obwohl die Daten für sich sprechen und ziemlich schockierend sind, sorgt die Kultur des Schweigens und der Scham dafür, dass Frauenbeschneidung als Tabuthema gilt. Deshalb gelingt es nicht, Kinder und junge Erwachsene vor der vermeidbaren Tragödie zu bewahren und deshalb haben Frauen nicht die Möglichkeit, Beratung zu erhalten, sexuelle Fragen zu klären, Untersuchungen vornehmen zu lassen und Behandlungen zur Umkehrung.

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Deshalb hat die Künstlerin Aida Silvestri aus London eine eindringliche Bilderserie mit skulpturalen Fotoarbeiten erschaffen — sie trägt den Titel Unsterile Clinic (unsterile Klinik) — und um Licht auf sowohl die physischen als auch die psychischen Traumata zu werfen, die Kinder und Frauen erleben, wenn ihnen das gesunde und normale Genitalgewebe entfernt wird oder verändert wird, nur um die Jungfräulichkeit vor ihrer Heirat zu gewährleisten und die Treue danach. Silvestri, die sich dieser Prozedur als Kind in Eritrea unterziehen musste, schreibt dazu auf ihrer Website:

„Inspiriert von meinen eigenen Erfahrungen begann ich eine ausführliche Recherche über die Frauenbeschneidung, indem ich Interviews mit ostafrikanischen Frauen in London führte, die von dieser grausamen Prozedur betroffen waren. Nachdem ich die Geschichten von Eritrea, Äthiopien, aus dem Sudan, aus Somalia, Kenia und Djibouti verglichen hatte, mein eigenen Erfahrungen reflektiert hatte und weiter nachgeforscht hatte, entdeckte ich, dass die meisten Fälle von FGM im Vereinigten Königreich während einer Schwangerschaft oder bei der Geburt diagnostiziert werden, wenngleich einige erst beim zweiten oder dritten Kind entdeckt werden, da bei den vorherigen Schwangerschaften aus ungeklärten Gründen Kaiserschnitte vorgenommen worden waren.

Ziel dieses Projektes ist es, die Aufmerksamkeit auf diese Prozedur in der Hoffnung zu lenken, dass Frauen, junge Mädchen und Kinder, die sich der Auswirkungen noch nicht bewusst sind oder nicht wissen, welche Art der FGM an ihnen vorgenommen wurde, zu ermutigen, sich früh darauf untersuchen zu lassen, bevor deshalb ein Notfall eintritt. Ich hoffe auch, dass dieses Projekt medizinisches Personal dazu ermutigt, dass sie Mut zeigen und mit den Frauen, die von FGM betroffen sind, während einer Untersuchung offen mit ihnen darüber sprechen.“

 

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Die Ausstellung wird von Autograph ABP kuratiert, eine Hilfsorganisation aus dem Vereinigten Königreich, die schwarze Künstler fördert und sich für die Inklusion von historisch marginalisierten Gemeinschaften in der Kunst einsetzt; die Ausstellung gastiert seit Anfang Juli im Rivington Place Art Centre in London. Jedes Kunstwerk, so schreibt Mashable, besteht aus der schwarzen Silhouette einer Frauenbüste, wobei ein intrinsisches Lederstück (das eine Vulva darstellt) auf den Mund des Figur genäht wurde. Jedes Lederstück wurde von Hand angefertigt und ist einzigartig, schreibt Autograph APB. Jedes Stück steht für die spezifische Art der FGM, welche die dargestellte Frau erleiden musste. Zu jedem Portrait gibt es ein Gedicht; der Text wurde aus der jeweiligen bewegenden Geschichte der Frau erstellt.

Um mittels der Kunst ein Bewusstsein für die weibliche Genitalverstümmelung oder Frauenbeschneidung zu schaffen, hat Silvestri Interviews mit den weiblichen Überlebenden geführt und mit ihnen zusammengearbeitet um zu bestimmen, welche der vier Arten der FGM an ihnen vorgenommen wurden, da sich die Praktiken in den verschiedenen Kulturkreisen unterscheiden. Silvestri erzählte dazu TakePart:

„Aufgrund des Schweigens wird aus FGM ein Thema gemacht, das oftmals als ‚religiöses Problem‘ oder als ein ‚afrikanisches Problem‘ bezeichnet wird. [Aber] FGM wird Frauen aus unterschiedlichen Glaubensrichtungen und aus allen Teilen der Welt angetan – dazu gehören Südostasien, der Nahe Osten und einige lateinamerikanische Länder – aber auch Industrienationen mit einem erhöhten Aufkommen an Einwanderungen. Ich denke, dass es sich dabei hauptsächlich um ein kulturelles Thema handelt. In einigen Gemeinschaften spricht man wirklich einfach nicht darüber, wenn der Familie irgendetwas zustößt.“

Codex Humanus

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Die Weltgesundheitsorganisation klassifiziert die Formen der weiblichen Genitalverstümmelung oder Frauenbeschneidung (FGM) nach vier Hauptkategorien:

Typ 1: Die teilweise oder vollständige Entfernung der Klitoris und in sehr seltenen Fällen nur die Entfernung der klitoralen Vorhaut.

Typ 2: Die teilweise oder vollständige Entfernung der Klitoris und der inneren Schamlippen, mit oder ohne Entfernung der äußeren Schamlippen.

Typ 3: Die Verengung der Vaginalöffnung durch die Anfertigung eines Siegels, das hergestellt wird, indem die inneren oder die äußeren Schamlippen zurechtgeschnitten und neu positioniert werden, manchmal durch Zusammennhähen, mit oder ohne Entfernung der Klitoris.

Typ 4: Alle anderen schädlichen Verfahren und Veränderungen der weiblichen Genitalien ohne medizinische Indikation; dazu gehören etwa das Stechen, das Durchbohren, das Einschneiden, das Ausschaben und das Verätzen des Schambereichs.

Allerdings hat Silvestri ein eigenes Set von Subkategorien für Unsterile Clinic erstellt.

Im Jahr 2012 verabschiedete die Generalversammlung der Vereinten Nationen einen Beschluss mit dem Ziel der Eliminierung von Frauenbeschneidung. Trotzdem werden geschätzt 3 Millionen Mädchen jedes Jahr von Männern verstümmelt, die dadurch Macht über die Sexualität und den Körper der Frauen ausüben. Nichtsdestotrotz hoffen die Organisatoren, dass die Ausstellung mehr Frauen und auch Männer dazu ermutigt, sich gegen die verschiedenen und sich stets verändernden barbarischen Praktiken aufzubegehren. Renée Mussai ist die Kuratorin der Ausstellung; sie erzählte TakePart:

„Für uns ist FGM eine Form des Missbrauchs. Wir hoffen, dass wir durch die Präsentation dieser Ausstellung dazu beitragen, mehr Aufmerksamkeit für das Thema zu gewinnen und die Gewalt der Praxis für ein Publikum aufzudecken, das mit dieser Grausamkeit mit großer Wahrscheinlichkeit zuvor noch nicht konfrontiert worden ist.“

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Übersetzt aus dem Englischen von AnonHQ.com.

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