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Die Krise des Journalismus. 10 Thesen für einen Neubeginn

in Medien/Onlinewelt/Politik/Welt

Wer dieser Tage mit offenen Augen durch die Welt geht, der wird nicht umhin können, festzustellen, in welch tiefer Krise sich der hiesige Journalismus gegenwärtig befindet. Vor den Vorwürfen, die gegen Redakteure gerichtet sind, gibt es kein Entkommen: „Lügenpresse!“-Rufe hier, „Ihr-steckt-doch-eh-alle-mit-den-Mächtigen-unter-einer-Decke!“-Geraune dort und Beschimpfungen wie „Drecksblatt“ oder „Schmierfink“ allerorten. Die Ansicht, die deutsche Presse sei heuchlerisch, würde lügen, wo sie nur könne und lasse sich viel zu leicht von den Politikern für ihre Interessen einspannen, hört man allerdings nicht mehr nur bei den Demonstranten von Pegida oder den Wählern der AfD. Der Vertrauensverlust in die bundesrepublikanischen Medien sitzt viel tiefer und darf mittlerweile als ein allgemeines Stimmungsbild in der Bevölkerung gelten. Die Situation lässt sich auch nicht beschönigen oder schmeichlerisch umschreiben, denn schon seit einigen Jahren ist sicher: Journalisten, soviel steht fest, haben in Deutschland ein noch schlechteres Image als Drogendealer.

Nun könnte man angesichts der Glaubwürdigkeits- und Vertrauenskrise der Zeitungen hierzulande eigentlich vermuten, dass es für viele Schreiberlinge in den Redaktionsstuben angesichts des massiven Gegenwindes, den sie mittlerweile zu spüren bekommen, auch einmal an der Zeit wäre, legitime Selbstkritik zu äußern. Nur so könnte das Vertrauen in den Journalismus schließlich zurückkehren, nur so könnte es wieder zu einem konstruktiven Schreiber-Leser-Dialog kommen. Das Gegenteil ist allerdings der Fall: Statt begangene Fehler einzuräumen, die mangelnde Distanz zur herrschenden Klasse zu hinterfragen oder auch einmal die oftmals in den Leitartikeln daherkommende großkotzige Arroganz des Autors –  die zum Teil noch  penetranter ins Auge sticht als eine Casino-Leuchtreklame in Las Vegas – zu problematisieren, suchen die Vertreter der, wie sie sich selbst gerne nennen, „schreibenden Zunft“ nicht etwa die Fehler bei sich, sondern viel lieber bei ihren Lesern oder bei großen Teilen der Bevölkerung an sich. Um sich selbst eine weiße Weste verschaffen und von eigenen Entgleisungen abzulenken, wird daher das eigene Klientel wahlweise als „Wahnwichtel“, „Verschwörungstheoretiker“ oder auch als „rechts“ diffamiert. Solche verbalen Ergüsse, die sich meist auf einem mitmenschlichen Niveau abspielen, das jeden Anstand vermissen lässt, hört man gerade in der momentanen Asylkrise zuhauf. Da werden Menschen, die angesichts von Merkels Integrationspolitik berechtigte Kritik vorbringen und ihre Bedenken sachlich und in demokratisch legitimer Weise äußern als „besorgte Bürger“ stigmatisiert, friedliche Demonstranten werden zum „Pack“ und gemäßigte Mahner und Warner wahlweise zu „Rechten“, „Trollen“ oder „Nazis“. Das Resultat einer solchen Schreibweise ist nicht schwer vorauszusagen: Wer sein Publikum so dermaßen beschimpft und meint, jeder, der nicht die eigene utopische Sicht der Welt teilt, sei per se und immer schon ein rückwärtsgewandter völkisch-dunkelbrauner Hohlkopf, der betreibt letztlich etwas, was der Spiegel-Autor Jan Fleischhauer in seiner Kolumne „Der schwarze Kanal“ so pointiert als „Nanny-Journalismus“ genannt hat: Die eigene milieugeprägte Sichtweise auf die Welt wird zum allein gültigen Maßstab erhoben, an dem sich gefälligst die eigene Leserschaft und alle Teile des Volkes messen zu lassen haben. Abweichler werden rigoros zur Räson gerufen und auf Norm gebracht, wenn sie die – aus Sicht der Zeitungsleute freilich – hehre Weltsicht der Feuilletonisten nicht teilen.

Das Problem ist also erkannt, doch noch lange nicht gebannt. Auswege aus der Krise werden überall gesucht, doch nur selten gefunden. Eines dürfte klar sein: Einfach Lösungen und Patentrezepte wird es nicht geben, denn die Lage ist zu verzwickt, als dass simple Antworten ausreichen würden. Am Sonntag, den 28. Februar hat Giovanni di Lorenzo, der Chefredakteur der Zeit, auf Einladung des Schauspielhauses Dresden in Kooperation mit der Sächsischen Zeitung in Dresden die „Dresdener Rede“ gehalten, die das Magazin auch abdruckte. In seinem Vortrag mit dem Titel „Alles Lüge? Warum Deutschlands Medien so stark – und manchmal doch so angreifbar sind“ kam er auf die gegenwärtige Lage des Journalismus und das Verhältnis von Journalisten zu ihren Lesern zu sprechen. Seine erklärte Absicht, gegenüber dem eigenen Berufsstand Selbstkritik anzubringen, war sicherlich lobenswert – doch es bleibt ein äußerst schaler Beigeschmack, denn di Lorenzo setzte zu Anfang die allseits beliebte „Schuld-sind-immer-die-anderen,-wir-nie!“-Maschine in Gang, als er – in Deutschland ein mittlerweile weit verbreiteter Hochleistungssport – gewohnt auf „Verschwörungstheoretiker“ eindrosch, die sich ihre eigene Wahrheit in sozialen Netzwerken wie Facebook selbst zusammenbasteln würden (später änderte sich der Tenor seiner Rede glücklicherweise deutlich). „Unter Meinungsfreiheit verstehen sie in Wirklichkeit die uneingeschränkte Lizenz, andere Menschen zu beleidigen, zu diffamieren, an den Pranger zu stellen“, sagte der Journalist. Kritiker und Skeptiker pauschal als hirnverbrannte Konspirologen beschimpfen und Zweifler zu pathologischen Irren zu stempeln – damit, Herr di Lorenzo, haben sie es sich nicht nur zu einfach gemacht, nein, damit, Herr Chefredakteur der Zeit, haben sie auch ihren ganz eigenen, exzellenten Beitrag zur Zerstörung der demokratischen Diskussionskultur geleistet!

Fernab von di Lorenzos Schwingen der allseits beliebten Verschwörungstheoretikerkeule muss man ihm allerdings dennoch zugute halten, dass er im Verlaufe seiner Rede doch noch einigermaßen die Kurve bekommen hat und in wohltuend scharfer Weise mit dem teils aufgeblasenen Ego und der mangelnden Kritikfähigkeit von so manchem artikelschreibenden Zeitgenossen abgerechnet hat. Diese harschen Worte waren schon lange bitter nötig und der Verfasser dieses Kommentars hat sie seit den 90er-Jahren, als er noch ganz jung war, sehnlichst herbeigewünscht. Dafür gebührt di Lorenzo unzweifelhaft großes Lob!

Doch können die Worte des Zeit-Chefs ausreichen? Nein, ganz und gar nicht. Sie können, so meine Ansicht, lediglich als erstes Fundament fungieren, auf dem zweifellos weitere Kritikbausteine getürmt werden müssen. Daher soll es in diesem Kommentar nun darum gehen, zehn Thesen aufzustellen, die sich als Plädoyer für einen neuen, innovativen und vor allem: authentischen und wahrheitsliebenden Journalismus verstehen. Wir von Der Wächter schätzen den Dialog mit unseren Lesern, zensieren in den allerseltensten Fällen Kommentare auf unserer Seite und bemühen uns stets darum, Artikel zu verfassen, die für unser Publikum einen Gewinn darstellen. Dabei mag es sein, dass wir manchem auch vor den Kopf stoßen – das kommt leider vor. Dennoch haben wir an uns selbst den Anspruch, anders zu sein als die etablierten Medien – besser, emotionaler, interessanter, engagierter, wahrhafter, enthusiastischer, euphorischer, faktentreuer, brisanter und – ja, natürlich – alles in allem journalistischer, aber immer auch idealistischer.

Die folgenden Thesen stellen ein Plädoyer für einen modernen, reformierten, der Gegenwart zugewandten Journalismus dar. Sie erheben keinen Anspruch auf Vollständigkeit und sind subjektiv eingefärbt, geben also ausschließlich die Meinung des Verfassers wieder. In Zeiten wie dieser sind sie allerdings, so glaubt der Autor dieses Kommentars, wichtiger denn je.

 

Erste These: Wir Journalisten müssen aufhören zu pathologisieren

 

Pathologisierung ist  – leider – eine der beliebtesten rhetorischen Taktiken unserer Zeit. Alles Fremde, alles Exotische, alles für unsere Ohren erst einmal neu Klingende pathologisieren wir, grenzen wir aus und machen wir lächerlich. Seien es nun Angehörige von Subkulturen – Gothics werden ein Lied davon singen können, wie oft ihnen schon von Journalisten unterstellt wurde, um Mitternacht auf Friedhöfen satanische Rituale zu zelebrieren und Katzen zu schlachten – oder der politische Gegner, mit dessen Meinung man sich nicht angemessen auseinandersetzen möchte und der darum lieber mit Beleidigungen geschmäht wird, die immer schnell zur Hand sind („Modernisierungsverweigerer“, „rechts“, „Nazi“): Pathologisierungen finden sich landauf, landab und zeugen immer davon, dass man nicht fähig oder willens ist, sich mit den Motiven des anderen zu beschäftigen oder sich in dessen Gefühlswelt hineinzuversetzen. Wir Journalisten müssen mehr Empathie lernen und versuchen, die Welt auch einmal aus den Augen derjenigen zu sehen, mit denen wir sprechen. Das soll nicht heißen, dass wir ihre Sicht der Dinge übernehmen und uns zu Eigen machen müssten. Es bedeutet aber, Mitgefühl zu zeigen und mit unserem Gegenüber auf Augenhöhe zu kommunizieren. Nur so kann echter Dialog gelingen.

 

Zweite These: Wir Journalisten müssen aufhören, Kampfbegriffe zu verwenden

 

Wörter können kränken, Wörter können Missachtung und Geringschätzung ausdrücken, Wörter können den Nährboden für Gewalt bereiten und hetzen. Begriffe wie „Spinner“, „Wahnwichtel“, „Verschwörungstheoretiker“, „Troll“ sind daher verbale Kanonen, die wir aus unserer Diskurssphäre ausschließen müssen. Wir sollten einen Konsens darüber erzielen, auf diese Worte freiwillig zu verzichten. Sie leisten keinen Beitrag zu einem konstruktiven Dialog und machen jeden zivilisierten Austausch unmöglich. Auf Dauer schädigen sie unsere demokratische Diskussionskultur und vergiften das gesellschaftliche Klima. Sorgen wir also dafür, dass diese Begriffe irgendwann der Vergangenheit angehören. Werfen wir sie auf die Müllhalde der Wortgeschichte.

 

Dritte These: Wir Journalisten müssen aufhören, Nichtigkeiten zu Nachrichten aufzublähen

 

Erinnert sich noch jemand an Knut, den 2011 verstorbenen Eisbären aus dem Zoologischen Garten in Berlin? Um das Jahr 2007 entzündete sich ein gewaltiges Medienecho um den Zoobewohner. Kaum eine Zeitung, die nicht voll von Nachrichten über den gerade für Kinder attraktiven Knuddelbären und Polarbewohner war. Besonders negativ ist mir noch die Nachrichtensendung RTL Aktuell mit ihrem Chefredakteur Peter Klöppel in Erinnerung, wie er sich in endlosen Berichterstattungsorgien über den pelzigen Bären erging und auf penetranteste Art das Fernsehpublikum mit Knut-Geschichten malträtierte. Knut hier, Knut da – es gab praktisch kein Entrinnen.

Das Beispiel Knut macht deutlich, dass es ernsthaftem Journalismus nicht darum gehen kann, triviale Nicht-Nachrichten zu Sensationen aufzublähen. Was ein Berliner Eisbär für Essgewohnheiten hat, wann er eine Zahnbehandlung bekommt oder wann er anfängt, seine sexuellen Triebe auszuleben, ist für die Bevölkerung hierzulande und für die Menschheit an sich absolut irrelevant. Wer sich für solche Lebensbanalitäten tatsächlich interessieren sollte, der kann die Boulevard-Zeitungen der Regenbogenpresse abonnieren. In seriöse Tageszeitungen haben solche Unwichtigkeiten allerdings partout nichts zu suchen.

 

Vierte These:  Wir Journalisten müssen lernen, auch andere Meinungen zuzulassen und zu tolerieren

 

Die Welt ist bunt. Wer nur die eigene Sichtweise gelten lässt, wird zu einem ignoranten Betonkopf, der das Leben ausschließlich schwarz-weiß wahrnimmt und dabei die zahllosen Schattierungen und Nuancen missachtet, die die Welt da draußen zu bieten hat. Die eigene Meinung darf kein starres und unhinterfragbares Dogma sein, sondern die Bekanntschaft mit anderen Denkweisen, Weltbildern, Lebenseinstellungen und Daseinsentwürfen kann eine unglaubliche Bereicherung darstellen. Eine Bereicherung, die wir Journalisten wertschätzen und nicht bereits im Voraus schon verteufeln sollten. Wer lernt, die Feinschattierungen der Gesellschaft zur Kenntnis zu nehmen, der erweitert damit auch seinen eigenen Horizont. Profitieren tun wir letztlich alle davon. Und nicht zu vergessen ist eine Welt, die gelernt hat, stumpfes Schwarz-Weiß-Denken kritisch zu hinterfragen, die eigenen Vorurteile abzubauen und verkrustete Denkweisen hinter sich lässt auch immer eine Welt, in der es weniger Ideologien und Dogmen gibt. Gerade wir Journalisten mit der uns teilweise eigenen Arroganz und Überheblichkeit und der Neigung, auf andere Menschen herabzublicken, sollten uns diesen Ratschlag zu Herzen nehmen und Selbstkritik gegenüber offener sein.

 

Fünfte These: Wir Journalisten müssen uns veralteter Ausdrucksweisen entledigen und innovativem Wortreichtum mit Offenheit
begegnen

 

Die Journalisten Sebastian Pertsch und Udo Stiehl gründeten im Jahre 2014 ein Webprojekt namens Floskelwolke, mit dem sie den häufigen Gebrauch ranziger Floskeln, abgestandener Phrasen und überstrapazierter Formulierungen in den Medien anprangern wollten. Das Projekt der beiden Autoren wirkt auf der einen Seite belustigend, auf der anderen Seite macht es aber auch in erschreckender Weise deutlich, auf was für stumpfe und dümmliche Formulierungen die Zeitungen hierzulande tagtäglich zurückgreifen. Da wimmelt es nur so vom allseits beliebten „aller Zeiten“, da begegnen wir dem „auf offener Straße“ und der ewige „Quantensprung“ und „am helllichten Tag“ sind auch nicht fern. Verbalen Mist wie diesen will nun wirklich kein Leser mehr sehen. Was also hindert uns daran, auch einmal kreativ mit Wörtern zu jonglieren und die vielfältigen Ausdrucksmöglichkeiten der deutschen Sprache besser zu nutzen? Das Deutsche ist nun wirklich keine Sprache, der es an Nuancierung, Enthusiasmus, Artikulationsmöglichkeit und Ideenreichtum mangeln würde. Im Gegenteil: So manch ein Leser lässt sich vielleicht zurückgewinnen, wenn man ihn mit ungewohnter, aber schöpferischer Rhetorik überrascht. Wir dürfen nie vergessen, dass das Haupttalent eines Journalisten sein Gefühl für die Sprache ist. Die Sprache ist eine Heimat, dort kennt er sich aus. So mancher hat aber leider vergessen, dass es seine Aufgabe ist, diese Heimat in und auswendig wie seine Westentasche zu kennen. Nutzen wir die Angebote, die uns der deutsche Zungenschlag bietet und überraschen wir unsere Leserschaft mit verbaler Glanzleistung und rednerischem Geschick. Wir sind es unseren Lesern schuldig.

 

Sechste These: Wir Journalisten müssen den Journalismus demokratischer machen

 

Die sechste These dürfte wohl diejenige sein, die von allen Thesen am provokantesten heraussticht. Dem Verfasser dieses Artikels ist bewusst, dass sie nicht bei jedem auf Gegenliebe stoßen wird. Doch diese These soll auch gar nicht Everybody’s Darling sein. Nein, ganz und gar nicht, sie ist absichtlich provokant und soll bei dem einen oder anderen einen flauen Magen hinterlassen. Sie fordert nichts weniger als eine weitgehende Demokratisierung des Pressewesens. Damit verbunden ist die Forderung, Zeitungs- und Magazinredaktionen in Deutschland so umzugestalten, dass sie keine festen Autoren mehr haben, sondern ihre Mitarbeiter von den Lesern für einen Zeitraum von vier Jahren gewählt werden.

Wir Wähler wissen, dass wir in der Politik mitbestimmen und mit unserer Stimme bei Kommunal-, Landtags- oder Bundestagswahlen entscheiden können, wer uns regieren soll. Was für die Politik gilt, das muss aber auch für den Journalismus gelten. Denn warum sollten die Bürgerinnen und Bürger unseres Landes nur Parteien, nicht aber die Zusammensetzung von Redaktionen mitbestimmen dürfen?

 

Siebte These: Wir Journalisten müssen unsere Leser an unseren Presseerzeugnissen beteiligen                 

 

Eng angelehnt an die sechste These ist auch die siebte. Sie führt die Vorstellung von einem demokratischen Journalismus fort und setzt noch eins drauf: Zeitungs- und Magazinredaktionen in Deutschland sollten sich dazu verpflichten, einen festen prozentualen Anteil der Schrift von der Leserschaft gestalten zu lassen. Nur so kann die journalistische Vielstimmigkeit garantiert, nur so kann sichergestellt werden, dass die Bevölkerung nicht außen vor bleibt und auch der Leser gehört wird. Zu denken wäre hier etwa an ein Viertel oder auch ein Drittel des Gesamtumfangs, an dem die lesende Käuferschaft aktiv beteiligt werden sollte. Die Wochenzeitung Die Zeit geht da mit gutem Beispiel voran, indem sie etwa Studentinnen und Studenten die Möglichkeit einräumt, Leserartikel zu universitären Themen einzureichen, die dann auch abgedruckt werden. Doch die Möglichkeit ist eng begrenzt. Das alles reicht noch nicht. Die Option, Leserartikel zu verfassen, die dann auch wirklich abgedruckt werden, sollte in Deutschland gang und gäbe sein.

 

Achte These: Wir Journalisten müssen uns stets der Wahrheit verpflichten

 

Objektivität ist das Gebot der Stunde. Die Liebe zur Wahrheit muss über allem stehen. Dabei ist es immer wichtig, Distanz zu den Mächtigen zu halten. Ein berühmter und viel zitierter Ausspruch des Journalisten Hanns Joachim Friedrich lautet: „Ein guter Journalist macht sich mit keiner Sache gemein, auch nicht mit einer guten“. Genau diesem Diktum gilt es, sich zu verpflichten und die eigene Berichterstattung immer wieder darauf hin zu überprüfen, ob sie im Einklang mit diesem Credo steht. Dies muss uns als ewige, heilige Aufgabe gelten.

 

Neunte These: Wir Journalisten müssen dahin gehen, wo’s wehtut

 

Knallhart recherchieren, dahin gehen, wo’s brennt, sich nicht beirren lassen und vor allem nicht mit fadenscheinigen Ausreden abspeisen lassen: Journalisten müssen einiges in Kauf nehmen, um an die Fakten ranzukommen, die sie benötigen. Dass das mitunter kein Zuckerschlecken ist, dürfte wohl klar sein. Dennoch: Unsere Leser erwarten guten Journalismus von uns. Wir wollen ihnen genau diesen liefern. Es ist unser Job, dabei unbequeme Fragen zu stellen und dem ein oder anderen hohen Tier – egal ob Unternehmer, Politiker oder Intellektueller – auch einmal so richtig auf die Nerven zu gehen. Damit macht man sich zwar nicht unbedingt viele Freunde, aber das ist es allemal wert!

 

Zehnte These: Wir Journalisten müssen uns nicht immer selbst so ernst nehmen und auch mal über uns lachen

 

„Lachen ist die beste Medizin“ – und ein guter Schuss gesunder Selbstironie hat noch niemandem geschadet. Wir Journalisten sollten deshalb die Welt nicht immer so ernst sehen, sondern dürften uns auch gerne mal gehörig selbst auf die Schippe nehmen. Wer sich selbst offener und mit einem Schmunzeln begegnet, erträgt viele Ungerechtigkeiten in der Welt und wirkt gelöster, entspannter und allgemein auch gelassener. Das wird früher oder später natürlich auch unseren Mitmenschen und auch ganz besonders unseren Lesern positiv auffallen. Die letzteren werden dieses neu gewonnene Relaxtsein sicherlich zu schätzen wissen und entsprechend auch honorieren.

 

Fazit: Diese zehn Thesen konnten natürlich nur ein erster Baustein hin zu einem reformierten, positiv gewendeten Journalismus sein. Nötig sind sie allemal. Ich bin mir ganz sicher: Wenn wir alle mit anpacken, können wir den Journalismus in eine neue Ära befördern und ihm somit dazu verhelfen, sich zu etwas Besserem, Größerem, Enthusiastischerem zu entwickeln. Ein reformierter Journalismus ist jedenfalls nicht einfach nur ein Luxus, nein, er ist vielmehr ein Gebot der Stunde, dem es auf die Tagesordnung zu hieven gilt. Das sind wir uns, aber noch viel mehr unseren Lesern schuldig.

 

 

Quellen

[1]

Fleischhauer, Jan: Erziehungs-Journalismus. Spiegel Online vom 05.01.2016. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/fluechtlinge-und-medien-erziehungs-rundfunk-kolumne-a-1070501.html

 

[2]

di Lorenzo, Giovanni: Alles Lüge? Warum Deutschlands Medien so stark – und manchmal doch so angreifbar sind. Dresdner Rede vom 28. Februar 2016 im
Staatsspielhaus Dresden. Hier zum Anhören:
http://www.staatsschauspiel-dresden.de/spielplan/und_ausserdem_15_16/dresdner_reden_2016/dresdner_reden_2016_zum_download_und_audio/

 

[3]

https://floskelwolke.de/

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Endlich eine Idee, die Weltfrieden bringen könnte – und sie verbreitet sich viral

in Politik/Wirtschaft

Vereinigtes Königreich Eine Aktivistengruppe, die sich der Mission verschrieben hat, den unerbittlichen Zyklus von Kriegen zu beenden, hat innerhalb eines Monats bereits 100.000 $ zur Erreichung ihres Ziels gesammelt. Der Aufruf von World Citizen Solutions (Weltbürgerinitiative, hier die deutsche Kampagnenseite) richtet sich an alle, die genug davon haben, dass ihre Steuerzahlungen zur Finanzierung von Kriegen verwendet werden, gegen die sie sich vehement aussprechen. Das Ergebnis: ein bemerkenswerter Geldfluss zur Unterstützung.

In der Indiegogo-Kampagne (welche aber schon beendet wurde) versprechen wagemutige Behauptungen den Unterstützern, dass sie „Teil von etwas Wegweisendem“ sein werden. Spendern wird angeboten, echte und nachhaltige Veränderungen zu bewirken und damit die Menschheit positiv zu beeinflussen, sowohl heute als auch in Zukunft. Es gibt aber eine neue Kampagne, um das Projekt via Bitcoins zu unterstützen: https://www.startjoin.com/BRY5st

Unsere Macht zurückholen

Ken O’Keefe, der Gründer der World Citizen Solutions sagte:

„Die Herausforderung an die Menschheit an diesem entscheidenden Zeitpunkt in der Geschichte ist es, einem Monster entgegenzutreten, das alles daran setzt, sein tyrannisches System der menschlichen Versklavung auszuweiten. Gleichzeitig erweitert sich das menschliche Bewusstsein zu einer nie dagewesenen Ausbreitung: Das stellt für die Tyrannen eine schwerwiegende Bedrohung dar. Nur eine dieser Mächte, die Menschheit oder die Tyrannei, kann Erfolg haben. Die Welt, die wir an unsere Kinder und an zukünftige Generationen übergeben, wird von unserem Erfolg oder unserem Versagen in dieser Frage definiert werden. Ironisch daran ist, dass die Tyrannen keine Macht haben außer jener, die wir unbeabsichtigt an sie abgetreten haben… Um eine bessere Welt zu erschaffen, müssen wir unsere Macht einfach wieder zurückholen. Das ist mein ultimatives Ziel: eine bessere Welt. Meine Erkenntnisse dazu beruhen auf dem Wissen, dass die Erreichung dieses Ziels nicht allein an mir liegt, sondern an uns.“

Die Kampagne wird bereits von mehr als 1.300 Leuten unterstützt und verspricht ihren Anhängern eine gesetzlich zulässige Möglichkeit, sie von ihren steuerlichen Verpflichtungen zu entbinden. Die Kampagne behauptet, dass Steuerzahler zu Komplizen des ständigen Krieges gemacht werden und Kriegsverbrechen mitfinanzieren.

Hört sich gut an, oder?

Mit ihrer Behauptung, zu 100% der Mission verschrieben zu sein, den andauernden Zyklus der Kriege zu beenden, verfolgt World Citizen Solutions die Mission, ein Zeitalter einzuleiten, die sie „eine bleibende Ära von Frieden und Gerechtigkeit“ nennen. Das Team entwickelt gesetzmäßige und soziale strategische Initiativen, von denen es behauptet, sie werden tiefgreifende Auswirkungen haben, die Menschheit aus ihrem aktuellen Paradigma zu erlösen.

„Die Träne unter meinem Auge steht für die Trauer, die ich empfinde, wenn ich all den Wahnsinn sehe, in den die Menschheit involviert ist“ Ken O’Keefe

Das Projekt ist das Baby des Ex-US-Marinesoldaten Ken O’Keefe, der heute ein Konfrontationen nicht scheuender Anti-Kriegs-Aktivist ist. Er ist ein vielfach respektierter Autor und Dozent, der seine US-amerikanische Staatsbürgerschaft offiziell abgelegt hat; heute ist er irischer, hawaiianische und palästinensischer Staatsbürger. Er ist der Gründer der Human Shield Action to Iraq (etwa: Aktion menschlicher Schutzschild im Irak) und diente auch als Kapitän in der Free Gaza Mission im Jahr 2008 (Mission zur Befreiung von Gaza). Er überlebte Israels Angriff auf die Mavi Marmara im Jahr 2010.

Zudem ist er ein Bootskapitän, Tauchlehrer und sozialer Unternehmer. O’Keefes Bemühungen retteten bereits bedrohte Schildkröten auf Hawaii und jede Menge andere Meereslebewesen. Er war zudem erfolgreicher Lobbyist für die Erbauung des Marineschutzgebietes an der Nordküste und gründete Deep Ecology (Tiefenökologie) — einen Tauchbetrieb auf Hawaii, dessen Schwerpunkte auch auf Bildung und Umweltschutz liegen. Als rechtmäßig anerkannter Weltbürger behauptet O’Keefe, dass seine vorbehaltlose Loyalität seiner gesamten menschlichen Familie und dem Planeten Erde gilt.

Das Video kann mit deutschen Untertiteln angesehen werden. Im Video zur Kampagne von World Citizen Solutions kommen verschiedene Unterstützer zu Wort:

Wir haben ein wunderschönes Zuhause, unseren Planeten, den wir umsorgen müssen. Doch das 20. Jahrhundert war das bisher blutigste Jahrhundert in unserer Geschichte: zwei Weltkriege, Atombomben, der komplette Wahnsinn. Heute sind wir sieben Milliarden und wir glauben, dass wir unsere eigene Wirklichkeit erschaffen können. Wir befinden uns momentan vor dem Abgrund eines dritten Weltkriegs. Wenn wir pessimistisch sind, glauben wir, dass wir nichts tun können und dass es immer schon so war. O’Keefe jedoch lehnt diese Weltsicht ab und glaubt daran, dass wir eine bessere Wirklichkeit erschaffen können, wenn wir die Verantwortung dafür übernehmen. Die so genannten demokratischen Führer heute dienen nur den Banken und einem System, das gemacht ist, um uns finanziell zu versklaven und uns mit unseren Steuern für die Kriege zahlen zu lassen. Wir können uns aus diesem System zurückziehen, indem wir uns von dem Vertrag lösen, der durch die Staatsbürgerschaft geschlossen wird und der uns dazu bringt, für diese Kriege zu zahlen. Denn so sind wir zu Komplizen geworden. Dieser Ausstieg ist friedlich und rechtlich zulässig. Wir glauben an die Macht, die in den Menschen liegt; O’Keefe selbst ist jedoch nur ein Einzelner, der seine Ideen vorbringen kann, aber er ist nicht alleine, denn andere glauben auch daran, dass wir diese Welt zum Besseren verändern können. Auf der ganzen Welt haben die Menschen aufgehört zu glauben, dass sich die Liebe zum eigenen Vaterland dadurch ausdrückt, dass man andere Länder zerstört. Protest alleine reicht jedoch nicht, wir müssen aufhören, diese Kriege mit unseren Steuergeldern mitzufinanzieren.

O’Keefe sagte, die Unterstützung der Kampagne und die schiere Menge der Menschen, die ihre Macht zurückerlangen wollten und ihre Menschlichkeit wiedergewinnen wollten, haben ihn inspiriert und motiviert. Alle Spenden — der höchste Einzelbetrag liegt bisher bei 3.000 $, die große Mehrzahl ist jedoch geringer — werden verwendet, um die „bescheidenen, aber realistischen“ Löhne für ein kleines Team zu zahlen, das die wesentliche Arbeit leistet.

„Glaubt mir, ich habe versucht, die Welt ehrenamtlich zu verändern und das funktioniert einfach nicht“, sagte er. „Man kann sich darauf nicht verlassen und leider werden die etablierten Mächte Eindringlinge einsetzen, die über die ‚ehrenamtliche Tätigkeit‘ nahe an einen herankommen.“ Nachdem er behauptet, „das schon mitgemacht zu haben“, bezahlt O’Keefe gerne ein kleines Team, dem er dafür komplett vertrauen kann.

Obwohl World Citizen Solutions bislang noch nicht genauer erläutert hat, wie die angekündigten Ziele erreicht werden sollen — das Unterfangen findet bislang bei mehr als 1.300 Unterstützern Anklang – sind viele zweifellos inspiriert von der Integrität von O’Keefe, der sein Können definitiv unter Beweis stellt. Updates zur Kampagne findet ihr hier und hier auf der deutschen Seite der Kampagne.

Von Michaela Whitton bei theantimedia.org. Übersetzt aus dem Englischen von AnonHQ.com.

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