Grain silos and trains, Dauphin, Manitoba, canada

Das vergessene Wirtschaftsexperiment, das die Armut in einer kanadischen Stadt ausgelöscht hat

in Wirtschaft
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Zwischen 1974 und 1979 wurden Bürger aus der Stadt Dauphin in Manitoba ausgewählt, die an einem ökonomischen Experiment teilnehmen sollten. Dabei sollte sichergestellt werden, dass die ärmsten Bewohner ein Grundeinkommen erhielten, mit dem sie über die Armutsgrenze kommen würden. das Experiment war augenscheinlich ein immenser Erfolg. Doch als die konservative Regierung im Jahr 1979 die föderale Macht übernahm, wurde das Projekt beendet und seine Ergebnisse wurden vor der Öffentlichkeit verborgen, indem sie archiviert wurden. Dank Dr. Evelyn Forget, eine Forscherin an der Universität von Manitoba, wurden diese Informationen wieder aufgespürt. Allerdings stehen die Chancen verschwindend gering dafür, dass eine rechts stehende Regierung ein solches Programm wiedereinführt oder akzeptiert.

Das Programm selbst trug den Namen “Mincome”, das steht für “minimum income”, also minimales Einkommen oder Grundeinkommen. Berichten zufolge handelte es sich dabei um das erste Projekt dieser Art in Nordamerika. Das Programm war nicht dafür gedacht, dass es Bürgern einen “Freifahrtschein” geben sollte. Stattdessen war das Ziel des Projektes die Evaluierung der Frage, ob die Versorgung der ärmsten Mitbürger mit zusätzlichen Geldern ihre Motivation zu arbeiten hemmen würde. Die Studie zeigt, dass dies nicht der Fall war.

Eine der Bewohnerinnen von Dauphon aus dieser Zeit ist die heute 87 Jahre alte Frances Amy Richardson. Sie sagt über das Projekt:

“Also, das ist ja schon ein paar Jahre her. Davon haben viele Leute wirklich profitiert.” Später fügt sie dann hinzu: “Es hat viel Gutes bewirkt, aber wissen Sie, die Regierung von Manitoba und die föderale Regierung haben beide die Machtposition in diesem Jahr verloren und sie hatten kein Geld mehr – also wurde es einfach fallengelassen.”

Die Stadt Dauphin war deshalb für das Projekt ausgewählt worden, weil ein Drittel ihrer Bewohner die Anforderungen für die Mincome-Schecks (“Mincome cheques”) erfüllte. Unter der Führung von Edward Schreyer für die “linksgerichtete provinzielle NDP” willigte die föderale Regierung von Manitoba ein, 75% des 17-Millionen-Dollar-Budgets für das Projekt zu übernehmen. Der Rest wurde von der Provinz getragen. Und so wurden die Mincome-Schecks berechnet:

Wie die Mincome-Schecks berechnet wurden:

1. Jeder hat die gleiche Grundmenge erhalten: 60 Prozent der Kürzung für niedrige Einkommen (low-income cut-off, LICO) gemäß Statistics Canada. die Kürzung variierte je nach Haushaltsgröße und Lebensort. Aber im Jahr 1975 verdiente ein alleinstehender Kanadier, dessen Einkommen als niedrig bewertet wurde, im Schnitt 3.386 Dollar.

2. Die Grundmenge wurde modifiziert: 50 Cent wurden von jedem Dollar abgezogen, der aus einer anderen Einkommensquelle stammte.

Mincome-Cheque-Calculation[1]

Quelle: Huffington Post

Laut Dr. Evelyn Forget basierte der Erfolg des Programms trotz seiner Kosten darauf, dass es auf lange Sicht Geld einsparte. Außerdem war es insofern erfolgreich, als es das Leben vieler Menschen beeinflusste. Eine andere Frau, die an dem Experiment teilnahm, konnte sich dadurch weiterbilden – und das, obwohl sie eine alleinerziehende und arbeitende Mutter von zwei Kindern war. Nach der Weiterbildung schlug sie einen gut bezahlten Karriereweg ein. Insgesamt ringen die Krankenhausaufenthalte dramatisch zurück. Das beweist, dass ein positiver messbarer Effekt auf das Gesundheitssystem durch ein solches Programm hervorgerufen würde und der Gemeinschaft so zusätzliches Geld einsparen würde.

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Das Sozialhilfesystem in Kanada, das dem Sozialhilfesystem in den Vereinigten Staaten sehr ähnlich ist, wurde als “Büchse mit fest verschlossenem Deckel kritisiert”. Das sagt Don Drummond, der ehemalige Chefökonom der kanadischen Toronto-Dominion Bank (TD). Das heißt, dass man bettelarm sein muss, um darin aufgenommen zu werden; und sobald man drin ist, bietet das Sozialhilfesystem einem nicht die Mittel, wieder herauszukommen. Drummonds Kommentar dazu:

“Aber die Aufzeichnungen belegen: Wenn man einmal bettelarm ist, dann neigt man dazu, in diesem Staat zu bleiben. Man hat keine Mittel zur Verfügung, um Absenkungen des Einkommens oder unerwartete Kosten abzufangen. Man kann es sich nicht leisten, dorthin umzuziehen, wo es Arbeit gäbe oder die Möglichkeit, die eigenen Fähigkeiten zu verbessern.”

Davon können viele Amerikaner ein Liedchen singen. Mit einem System wie Mincome würden die Menschen nicht mehr in das Sozialhilfesystem gedrängt werden und dort gefangen bleiben. Stattdessen würde man ihre Einkommenssteuererklärung beurteilen um zu bestimmen, ob ein “Nachschlag” nötig ist. Hier wird dargestellt, wie das vermutlich heute funktionieren könnte:

Wie ein garantiertes jährliches Einkommen heute funktionieren könnte:

  • Es könnte als Bundessteuer als negative Einkommenssteuer verteilt werden
  • Zuzahlungen werden automatisch berechnet und nach dem Einreichen der Einkommenssteuer ausgeliefert
  • Durch Zuzahlungen würde eine Person nicht zuschussfähig für Sozialhilfe in der Provinz
  • Das Geld aus der provinziellen Sozialhilfe wird für andere Zwecke neu zugeteilt (z.B. Seniorenbetreuung, Ausbau der Kinderbetreuung im frühkindlichen Alter)

Guaranteed-Annual-Income[1]

Quelle: Huffington Post

Es ist tragisch, wenn man daran denkt, dass das Programm aus dem einfachen Grund nie umgesetzt wurde, weil ein Regierungswechsel stattgefunden hat. Viel Geld wurde in das Programm gesteckt; am Ende hat es aber nicht die Investitionen bekommen, die es für eine Evaluation auf Regierungsebene gebraucht hätte; eine solche Bewertung hätte ergeben, ob es funktioniert oder nicht.

Wenn man bedenkt, dass diejenigen, die die archivierten Dokumente in voller Länge lesen konnten, davon berichteten, dass das Ergebnis des Experiments äußerst positiv war, wäre die naheliegende nächste Frage: Könnte das in den Vereinigten Staaten auch funktionieren? Robert Longley hat sich dieser Frage bei About News gewidmet seine Antwort war ungefähr: ‘Nicht in naher Zukunft’, obwohl in Theorie darüber gesprochen wurde, dass es später fast unausweichlich sein könnte. Diese theoretische “US-Version” von Mincome, die in Longleys Bericht beschrieben wird, entspricht jedoch nicht der in Kanada getesteten Version. Damit wird in der Argumentation des Artikels sofort eine Lücke erkennbar, obwohl die Schlussfolgerung am Ende wahrscheinlich stimmt.

Longley weist uns auf ein Buch des libertären Autoren Charles Murray hin mit dem Titel: “In Our Hands: A Plan to Replace the Welfare State” (“In unseren Händen: Ein Plan, um den Sozialstaat zu ersetzen” – nur auf Englisch verfügbar). Darin stellt Murray die folgende Vermutung auf: Wenn die föderale Regierung der Vereinigten Staaten Mincome einführen und alle Programme abschaffen würden, die als Netz der Sicherung des Einkommens dienen – etwa Sozialversicherung und Medicare (der US-Gesundheitsdienst für ältere Menschen), dann würden alle US-amerikanischen Bürger monatlich Schecks bekommen, die pro Jahr insgesamt 10.000 US-Dollar (etwa 8.900 Euro) betragen würden. Das erste offenkundige Problem damit ist: Diejenigen, die derzeit Sozialversicherung beziehen, würden eine starke Senkung ihres Einkommens hinnehmen müssen; und nicht alle Amerikaner brauchen 10.000 Dollar pro Jahr extra – nur all diejenigen, die unter der Armutsgrenze leben.

In dem Manitoba-Experiment wurden sowohl ältere Mitbürger als auch Personen mit Beeinträchtigungen unterhalb der Armutsgrenze in das Programm aufgenommen, auch wenn sie nicht arbeiten konnten. Das Einkommen nur an diejenigen verteilt, die es brauchten. Das heißt, dass die Summe, die Einzelpersonen erhielten, sich je nach ihrem Bedarf unterschied. Mit dem Manitoba-Modell (wenn man davon ausgeht, dass es funktioniert hat), könnten notleidende US-Bürger theoretisch mehr als 10.000 US-Dollar pro Jahr erhalten.

Zum Schluss ist zu sagen, dass es im Fall von Amerika wichtig ist, noch einmal darauf hinzuweisen, dass die US-Regierung weltweit am meisten für Militär ausgibt, dass in den Vereinigten Staaten die am meisten korrupten Banker sitzen. Auch darf man den jährlichen Schattenhaushalt nicht vergessen, von dem jeder weiß, aber nichts weiß. Wenn Amerika seine Probleme jemals auf die Reihe kriegen sollte, indem es den Wurzeln aller Probleme auf den Grund geht, dann könnte ein gut durchdachtes Programm wie Mincome absolut plausibel sein. Zum aktuellen Stand jedoch wird es noch Generationen – wenn nicht Jahrhunderte – dauern, bis wir unsere Probleme gelöst haben. Momentan und bis dahin ist jedwedes Programm in dieser Art nichts weiter als eine Sozialutopie.

Übersetzt aus dem Englischen von AnonHQ.com.

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