„Was ist ein Jude überhaupt?“ – Islamunterricht in Deutschland

in Welt
Codex Humanus
(Foto: dpa)

Ein Islamlehrer erzählt, wie seine muslimischen Schüler über Antisemitismus diskutieren. Im Islamunterricht reden sie offen über Vorurteile und Diskriminierung.

Die Schülerfrage, die mich in meinem islamischen Religionsunterricht bisher am meisten traf, lautete: „Warum sind Juden eigentlich von Grund auf böse?“ Sie wurde zögerlich und verunsichert gestellt. Der Schüler habe so etwas mal zu Hause gehört, erklärte er in die erschrockene Stille hinein. Ich habe ihm keine Standpauke gehalten und meldete ihn auch nicht seiner Klassenlehrerin. Stattdessen nutzten wir seine Frage, um uns mit Vorurteilen über Juden auseinanderzusetzen. Die anderen, ausschließlich muslimischen Schüler bemühten sich einfühlsam, bestimmt und am Ende erfolgreich, den fragenden Schüler davon zu überzeugen, dass seine These falsch war.

Ähnlich der Großbaustelle Inklusion wurde auch der Islamische Religionsunterricht in Nordrhein-Westfalen eilig eingeführt. Er soll in allen Schulformen von der Grundschule bis zum Abitur angeboten werden. Die Kernlehrpläne eichen das Fach zwar eindeutig auf das Grundgesetz. Der Unterricht soll den Schülern helfen, eigene „geschlechter- und kulturstereotype Zuordnungen“ kritisch zu reflektieren und „zur Gestaltung einer demokratischen Gesellschaft“ beizutragen. Leider leitet dieser Lehrplan nicht ausdrücklich dazu an, kontroverse Diskussionen mit Schülerinnen und Schülern zu führen. Der islamische Beirat in Nordrhein-Westfalen, der ähnlich den christlichen Kirchen die Einstellung von Religionslehrern genehmigen muss und auch die Kernlehrpläne absegnet, wünscht sich eher einen konservativen Islamunterricht, der den Glaubensvorstellungen der Moscheegemeinden nicht zu stark widerspricht.

Hätte der Schüler seine Frage jedoch nicht gestellt, so wäre sein Dilemma nicht gelöst, er hätte es mit sich alleine austragen müssen. Der Islam bedeutet vielen Schülern viel, nur verfügen sie kaum über religiöses Wissen. Religiöse Fragen eigenständig zu klären, kommt ihnen oft auch nicht in den Sinn. Sie suchen eine muslimische Autoritätsperson, die ihnen eine Art Mini-Fatwa gibt. Das passt zu ihrer Sozialisation in den Moscheen, wo oftmals das Auswendiglernen und die Autorität des Imams (Hodschas) im Vordergrund stehen. Meine Aufgabe sehe ich darin, den Schülern zu zeigen, dass sie selbst nachdenken und Antworten finden können und dürfen, ohne Gottes Strafe fürchten zu müssen.

Dann reden sie über Themen, die sie weder daheim noch in der Moschee offen besprechen. „Ist Selbstbefriedigung eine Sünde?“, „Darf ich eine Freundin haben?“, „Ist Kopftuch tragen wirklich Pflicht?“ oder „Ist Musik erlaubt?“ Wenn sie nirgends fragen dürfen, bekommen sie die Antworten von selbsternannten Predigern auf YouTube. Wohin das führen kann, haben uns die letzten Jahre gezeigt. Nicht ohne Grund ziehen radikale Gruppen – seien es Rechtsextreme oder Islamisten – Jugendliche auf der Suche nach Orientierung in ihren Bann.

Auch Islamfeindlichkeit und Diskriminierung müssen eine Rolle im Islamunterricht spielen. Sie sind real für die Schüler, wenn sie etwa wie im Wahlkampf auf dem Schulweg täglich am „Islamisierung stoppen“-Schild der AfD vorbeigehen müssen. Aber natürlich existieren auch Probleme innerhalb muslimischer Communitys wie Nationalismus, Rassismus, Autoritätshörigkeit, Islamismus, Homophobie. Die Gleichberechtigung der Frau etwa ist ein Dauerbrenner im Unterricht.

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