70 Jahre alt und 240 Euro Rente – ohne meinen 12-Stunden-Job könnte ich nicht überleben

in Wirtschaft

Von  von Huffingtonpost

Gerade bin ich siebzig Jahre alt geworden. Seit rund fünfzig Jahren arbeite ich Vollzeit, zwölf Stunden am Tag. Mein Beruf? Reiseleiter. Meine Rente? 240 Euro im Monat.

Gleich vorweg: Ich betreue nicht irgendwelche Altenclubs bei ihrem wöchentlichen Ausflug ins Grüne. Meine Gäste kommen aus aller Welt und sprechen verschiedene Sprachen.

Meine Verantwortung beginnt um fünf Uhr früh und endet oft erst kurz vor Mitternacht. Achtzehnstunden-Tage sind keine Seltenheit. Am häufigsten bin ich mit Lateinamerikanern unterwegs.

Von Mexiko bis Feuerland habe ich schon mit allen Nationalitäten zu tun gehabt. Deutsche Gruppen betreue ich seit Jahren nicht mehr. Nicht weil ich sie nicht sympathisch finde, sondern weil ich vollkommen ausgelastet bin.

Oft grübel ich darüber nach, wie lange es wohl noch so weitergeht, wie lang meine Gesundheit den Job wohl noch mitmacht?

So ergeht es tausenden Rentnern in Deutschland. Wer wie ich nur eine geringe Rente zur Verfügung hat, der muss entweder weiterarbeiten oder Grundsicherung beantragen.

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Letzteres würde für mich nie in Frage kommen. Lieber arbeite ich, bis es nicht mehr geht.

Trotzdem frage ich mich: Was passiert wenn meine Wirbelsäule durch meine Rückenerkrankung erst einmal komplett lahmgelegt ist? Oder wenn der Zwerchfellbruch, der mich seit Jahren begleitet, plötzlich die inneren Organen verklemmt, gar absterben lässt?

Wie schnell wird die Sehunfähigkeit meines einzigen Auges, auf das ich seit meiner Kindheit angewiesen bin, voranschreiten, mich bei meiner Tätigkeit beeinträchtigen, gar erblinden lassen? Werden mir diese schleichenden Krankheiten das Arbeiten unmöglich machen?

Wie viel Zeit bleibt mir noch, um mich finanziell abzusichern? Ich will um jeden Preis meinen Traum von der Rente in der Karibik verwirklichen, denn auf den deutschen Staat kann ich mich im hohen Alter nicht verlassen.

Der Großteil meiner Kunden sind Rentner

Der Großteil meiner Kunden sind wie ich über sechzig Jahre alt und gebildet.

Wer aus Argentinien, Chile, Brasilien, Peru, Kolumbien oder Mexiko um die Welt fährt und 4-Sterne-Hotels bucht, der ist entweder noch fest im Beruf verankert, oder verfügt über eine ausgiebige Pension: Ärzte, Rechtsanwälte, Ingenieure, Psychologen, Lehrer, Bankangestellte und viele selbstständige Klein- und Großunternehmer.

Diese bunte Mischung an Menschen und Nationalitäten halten mich als Reiseleiter ganz schön auf Trapp. Manchmal reise ich auch durch Südamerika, meistens bin ich allerdings in Deutschland, Österreich und der Schweiz unterwegs.

Als Reiseleiter verdiene ich nicht besonders viel Geld – trotz der körperlichen und geistigen Anstrengungen. Immerhin beherrsche ich mehrere Fremdsprachen, halte Vorträge und bin für die Sicherheit der Reisetruppe verantwortlich. Mein durchschnittlicher Stundenlohn beträgt 15 Euro.

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Viel Geduld, etwas Psychologie, Menschenkenntnis und eine Prise Diplomatie sind in diesem Beruf sehr wichtig. Denn meine Kunden vergessen schon mal 10.000 Euro im Hotelsafe in Paris oder stellen zwei Stunden vor der Abreise am Frankfurter Flughafen fest, dass ihre Pässe gestohlen wurden.

Heftig wird es, wenn mich mitten in der Nacht das Telefon abrupt aus dem Tiefschlaf reißt und der Nachtportier in den Hörer nuschelt: „Von den Mitreisenden aus ihrer Gruppe hat jemand auf Zimmer 301 auffällig starke Herzschmerzen. Der Notarzt ist unterwegs.“

Nun bin ich gefragt, um bei der Übersetzung zu assistieren. Wenn der Notarzt vor Ort helfen kann, ist jeder glücklich. Mir fällt ein großer Stein vom Herzen und der Patient fällt erleichtert zurück ins Bett. Leider ist das die Seltenheit.

Oft muss ich mit dem Notarzt in das nächste Krankenhaus fahren und verbringe dort die halbe Nacht, um zwischen den Parteien zu vermitteln.

Ich weiß schon nicht mehr, wie viele Nächte ich in italienischen, spanischen, portugiesischen und deutschen Krankenhäusern verbracht habe. Gott sei Dank musste ich noch nie jemanden tot zurücklassen. Viele meiner Kollegen können das nicht von sich behaupten – und das alles für 15 Euro die Stunde.

Festanstellung ist nicht möglich

Übrigens: Festanstellung ist – egal in welchem Alter – in diesem Beruf nicht möglich. Das heisst: Keine Sozial-, Renten-, oder Krankenversicherung. Ich muss mich um alles selbst kümmern. Krank zu werden, kann ich mir nicht leisten.

Wenn ich nächstes Jahr einundsiebzig werde, will ich kürzertreten und nicht mehr zweihundert Tage im Jahr in bis zu hundert verschiedenen Hotels übernachten. Mein Traum wäre es, nur noch drei Monate pro Jahr Kurzreisen aus Übersee in Deutschland zu begleiten.

Den Rest des Jahre könnte ich dann in der Karibik verbringen, in einer bescheidenen Mietwohnung. Mir zwei Mal am Tag eine gesunde Mahlzeit gönnen, in einer Hängematte zwischen zwei großen Palmen entspannen und im Radio südamerikanische Folklore hören.

Davon träume ich, wenn ich im Frontsitz unseres Reisebusses durch das Rheintal fahre und dabei die Geschichte der Schlösser auf den Bergen über dem Rheinufer am Mikrofon erzähle.

Zwischen Rio und Sao Paulo, Barranquilla und Bogota, Koblenz und Köln, Schwarzwald und schwäbischer Alb, Watzmann und Wetterstein, quält mich jedoch vor allem eine Frage:

Werde ich es schaffen, mich ohne Grundsicherung auf irgendeine Weise durchzuschlagen, bis zu dem Tag, an dem ich sterbe?

Welche Bedeutung hat es für mein zukünftiges Leben, wenn mir in den nächsten zehn Jahren die finanziellen Mittel ausgehen, um damit den Unterhalt für den Rest meines Lebens bestreiten zu können?

Wenn ich die private Krankenkasse, die mich mehr als 7500,- Euro im Jahr kostet, nicht mehr bezahlen kann? An zukünftige Beitragserhöhungen möchte ich gar nicht denken…

Die Grundsicherung lehne ich ab

Wie genau ich mit der Zukunft umgehen werde, dass weiß ich noch nicht. Was ich weiß ist, dass es mehrere Wege gibt, der finanziellen Katastrophe entgegenzuwirken.

Die Grundsicherung sehe ich für mich nicht als Alternative. Scham und Erniedrigung spielen dabei eher kleine Rollen. Wichtiger ist mir das Gefühl der Freiheit, der Unabhängigkeit.

Ich will niemandem Rechenschaft ablegen müssen. Für mich gilt das Prinzip: Was ich mir nicht verdient habe, darauf habe ich auch keinen Anspruch.

Kein Mitglied der Gesellschaft sollte verpflichtet sein, für das Überleben des Anderen gerade zu stehen. Moral darf eine Aufforderung zum Handeln sein, aber niemals Pflicht- oder gar Zwangsforderung von Seiten des Staates.

Das muss jeder für sich selbst entscheiden. Ich persönlich lehne es ab, Grundsicherung zu beantragen.

Das sage ich, obwohl ich bereits das Alter eines Vollzeitbeschäftigten überschritten habe – und wenn ich meinen Prinzipien nicht untreu werden will, dann muss ich weiterhin Vollzeit arbeiten.

In einer Woche geht es auch schon wieder los. Die Sommersaison steht an. Mindestens hundertsechzig Tage will ich dieses Jahr arbeiten.

Einerseits freue ich mich, wieder unter Menschen zu sein, deren Kulturen mir in den vergangenen Jahrzehnten so vertraut geworden sind, wie meine eigene. Andererseits schaue ich mit viel Wehmut und etwas Angst in die Zukunft.

Denn egal was passiert – ich werde mir etwas einfallen lassen müssen. Ich brauche eine Idee, wie ich meine karge Rente von weniger als 240 Euro aufbessere.

Der Zeitpunkt in meinem Leben, an dem mich mein Körper endgültig daran hindern wird, als Reiseleiter in Deutschland zu arbeiten, soll mich nicht unvorbereitet außer Gefecht setzen.

Bis es soweit ist, grüße ich meine Altersgenossen in Deutschland. Ich wünsche euch viel Kraft und Mut, um das Leben in Würde zu meistern. Gebt nicht auf – auch wenn ihr keinen anderen Weg kennt, als auf die Grundsicherung angewiesen zu sein!

Wie hat einst Joachim Fuchsberger gesagt: „Altwerden ist kein Zuckerschlecken“.

Liebe Grüße,

euer Arthur Pahl

(jz)


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2 Comments

  1. Klingt nach verträumtem Lebenskünstler.

    Und wenn man 50 Jahre gearbeitet hat, kaum etwas in die Rentenkasse eingezahlt hat und hierbei die Notwendigkeit, selbst etwas fürs Alter zurückzulegen ausgeblendet hat, ist man an solch einer Situation wohl nicht ganz unschuldig.

  2. Naja ich denke es schadet keinem den älteren mehr Geld zu geben. Sie werden das Geld ja nicht auffressen und verschwindet lassen. Das Geld wird ausgegeben und gelangt wieder an andere…

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