Nur ein Land übertrumpft die Deutschen bei der Steuerlast

in Wirtschaft
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Viele Deutsche ächzen seit Jahren unter der Abgabenlast des Staates. Eine OECD-Studie zeigt nun, dass die Bundesrepublik wirklich zu den Steuer-Spitzenreitern gehört. Andere Länder senken dagegen die Belastung.

Es gibt eine gefühlte Temperatur und eine gefühlte Kriminalität. Und ebenso gibt es eine gefühlte Steuerbelastung. Viele Deutsche empfinden den Abzug des Staates von Lohn und Gehalt als immer drückender. Vor allem in der Mittelschicht macht sich das Gefühl breit, dass Leistungsträger finanziell regelrecht ausgeschlachtet werden. Anekdotische Vergleiche mit dem Ausland bestärken Angehörige der Mittelschicht in ihrem Gefühl, dass sie vom Staat über Gebühr belastet werden.

Doch ist die Last in Deutschland wirklich höher als anderswo? Bei der Verschiedenheit der Steuer- und Abgabensysteme ist eine Beurteilung alles andere als einfach. Die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) hat jetzt die Mammutaufgabe übernommen und den Abzug in verschiedenen Industrieländern verglichen.

Das Ergebnis der Untersuchung ist eindeutig: Das Urteil der Menschen trügt nicht. Die Belastung mit Abgaben und Steuern ist hierzulande tatsächlich höher als anderswo, mit einer einzigen Ausnahme.

Hohe Abgaben auf Arbeitskosten

Lag der Anteil von Steuern und Sozialabgaben an den Arbeitskosten für alleinstehende Durchschnittsverdiener 2017 im OECD-Schnitt bei 35,9 Prozent, so waren es in Deutschland 49,7 Prozent. Die Hälfte dessen, was ein Unternehmen für einen Arbeitnehmer aufwendet, geht also an den Staat: Arbeitskosten setzen sich aus dem Bruttolohn und den Sozialabgaben der Arbeitgeber zusammen. Bei den Sozialabgaben werden Arbeitgeber- und Arbeitnehmeranteil berücksichtigt. Diese Zahlen geben also die Gesamtbelastung der Arbeit wieder.

Laut OECD sind die Steuern und Sozialabgaben auf Arbeitseinkommen in Deutschland 2017 leicht gestiegen, während sie in der entwickelten Welt im Schnitt etwas zurückgegangen sind. Aufgrund des hohen Anteils an Sozialabgaben sind vor allem die Einkommen von Geringverdienern und Alleinerziehenden im internationalen Vergleich stark belastet.

Nur Belgier geben mehr vom Bruttolohn ab

Der Organisation zufolge langt der deutsche Staat bei Singles besonders stark zu, oft weitaus stärker als der Fiskus in den meisten Nachbarländern. Bei einem durchschnittlichen Arbeitnehmer gehen hierzulande 39,9 Prozent vom Brutto an den Staat, ein außergewöhnlich hoher Wert. Eine noch höhere Belastung müssen nur die Belgier hinnehmen. Dort verbleiben durchschnittlich 40,5 Prozent von Lohn oder Gehalt eines Singles beim Staat.

„In den Industrieländern führt der durchschnittliche Arbeitnehmer etwas über ein Viertel seines Bruttolohns als Einkommensteuer und Sozialversicherungsbeiträge ab“, heißt es in der Studie der OECD. Im Jahr 2017 lag der Wert bei 25,5 Prozent, also mehr als 14 Punkte unter der Steuer- und Abgabenquote hierzulande. International hat sich die Gesamtbelastung in den vergangenen zwei Jahrzehnten nicht groß verändert, weder nach oben oder nach unten.

Bitter wird vielen jedoch aufstoßen, dass sich die Höhe von Steuern und Abgaben in Deutschland trotz Wirtschaftsbooms nicht vermindert hat. Nicht wenige Staaten haben in den zurückliegenden Jahren ihre Systeme reformiert, was dazu geführt hat, dass Steuern gemessen an den Arbeitskosten zurückgegangen sind.

Bestes Negativbeispiel: die Entfernungspauschale

„Durch die gute Lohnentwicklung und Tarifabschlüsse sowie Rentenerhöhungenrutschen immer mehr Steuerzahler in höhere Steuersätze. Zudem werden viele Beträge und Pauschalen im Steuerrecht nicht regelmäßig angepasst“, sagt Reiner Holznagel, Präsident des Bundes der Steuerzahler (BdSt). Bestes Beispiel sei die Entfernungspauschale, die fast alle Steuerzahler betreffe und auf dem Niveau von 2004 verharre.

„Deutschland ist längst ein Hochsteuerland. Immer mehr Bürger rutschen in den Spitzensteuersatz“, kritisiert der FDP-Politiker Frank Schäffler, Mitglied im Finanzausschusses des Deutschen Bundestags. Eine Entlastung müsse jetzt auf die Tagesordnung.

Den stärksten Rückgang bei Steuern und Abgaben gab es in Ungarn und Israel, aber auch die Schweden konnten die Belastung senken. In Polen ist für kinderreiche Familien sogar eine negative Steuer möglich: Die Erwerbstätigen erhalten also Geld vom Staat. In Deutschland gab es lediglich für Singles ohne Kinder eine leichte Verbesserung dieser Quote, Alleinverdienerhaushalte mit zwei Kindern zahlen hingegen ebenso viele Steuern wie zur Jahrtausendwende. Allerdings wird ihnen unter dem Strich nicht ganz so viel abgezogen wie Singles: Bei einem Alleinverdienerpaar mit zwei Kindern sind es knapp 22 Prozent.

„Die Steuer- und Abgabenbelastung in Deutschland ist weiterhin extrem hoch. Unsere Nachbarländer belasten ihre Bürger deutlich weniger. Deshalb muss die neue Bundesregierung hier ran und endlich etwas ändern“, erklärt Holznagel. Dem Politikwissenschaftler ist nicht zuletzt der Solidaritätszuschlag ein Dorn im Auge. Dessen Abschaffung sei überfällig und dürfe nicht auf das Jahr 2021 verschoben werden: „Mit einem sofortigen Abbau des Solis und der deutlichen Senkung des Arbeitslosenversicherungsbeitrages wäre eine wirksame Entlastung verbunden.“

Auch das Institut der deutschen Wirtschaft (IW) forderte, den Solidaritätszuschlag vollständig abzuschaffen und zwar schon vom kommenden Jahr an. Die hohe Steuern- und Abgabenquote zeige, dass die Politik hierzulande zu lange tatenlos gewesen sei.

Aufschlussreicher ist der Blick nach Europa

Dass es auch ganz anders geht, zeigen Chile und Mexiko: Die lateinamerikanischen Nationen muten ihren Bürgern nur eine Abgabenquote von sieben beziehungsweise elf Prozent zu. Jedoch sind die rudimentären Sozialsysteme in diesen Ökonomien nicht mit dem deutschen Standard zu vergleichen. Niedrig ist die Last aber auch in Israel, Südkorea und Neuseeland.

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