Zunehmende gesellschaftliche Enthemmung: Wenn Kleinkinder in Kitas Missbrauchsopfer werden

in Kriminalität/Welt

Die Polizeiliche Kriminalitätsstatistik weist für das vergangene Jahr 1.612 Opfer eines vollendeten oder versuchten sexuellen Missbrauchs unter sechs Jahren aus, davon 1.107 Mädchen.

Für Eltern ist es ein Alptraum: Sie bringen ihre Kinder in Kitas, damit sie sicher betreut werden. Doch genau dort lauert manchmal Gefahr. Experten sprechen von immer extremeren Verbrechen im Zusammenhang mit Kindesmissbrauch.

Sie sind klein, verletzlich und unschuldig – und werden Opfer sexueller Gewalt ausgerechnet in Einrichtungen, in denen ihre Eltern sie sicher glauben. Selbst in Kitas sind Kleinkinder nicht hundertprozentig vor Missbrauch geschützt. „Die Polizeibehörden stellen in den letzten Jahren fest, dass die Missbrauchsopfer immer jünger werden. Wir reden da nicht nur von Kita-Kindern, sondern von noch jüngeren Kleinkindern“, sagt die Sprecherin des Bundeskriminalamtes, Barbara Hübner.

Die schreckliche Dimension der Verbrechen zeigt sich an einigen jüngeren Fällen: Ein Azubi soll in einer privaten Kita in Schwieberdingen bei Stuttgart Kleinkinder missbraucht und sie fotografiert haben. Der geständige Leiter einer kirchlichen Kita in Heilbronn soll mehr als 10.000 Bilder und 900 Videos mit kinderpornografischem Inhalt getauscht haben und einen Jungen über mehrere Jahre schwer sexuell missbraucht haben. Ein Schwimmlehrer aus dem Badischen soll sich an rund 40 kleinen Mädchen im Alter zwischen vier Jahren und acht Jahren vergangen haben.

„Sex und Gewalt auch gegen kleine Kinder sind leider keine Seltenheit“, sagt Johannes-Wilhelm Rörig, der Missbrauchsbeauftragte der Bundesregierung. Aber in den 55.000 Kitas in Deutschland gebe es längst nicht überall Schutzkonzepte. Dazu gehörten etwa ein Fotografierverbot und ein Vier-Augen-Prinzip bei Erziehern gerade in den Schlaf- und Sanitärbereichen. Wickelräume sollten offen sein oder ein Fenster in der Tür haben. Und es müsse für alle Fachkräfte, Eltern und Kinder deutlich kommunziert werden, wer ein schlechtes Gefühl hat, kann sich beschweren. Rörig: „Schweigen hilft nur den Tätern.“

Allerdings seien nicht Missbrauchsfälle in Einrichtungen in der Mehrzahl, sondern Beziehungsdelikte, erklärt BKA-Sprecherin Hübner. Die meisten Taten werden im familiären Umfeld oder im Bekanntenkreis begangen – so wie im Fall des von seiner Mutter und deren Lebenspartner zur Vergewaltigung angebotenen Jungen aus Staufen bei Freiburg.

Die Polizeiliche Kriminalitätsstatistik weist für das vergangene Jahr 1.612 Opfer eines vollendeten oder versuchten sexuellen Missbrauchs unter sechs Jahren aus, davon 1.107 Mädchen. Im Jahr 2016 waren es etwas mehr: 1678 Fälle, davon 1143 Mädchen. Opfer von Vergewaltigung und sexueller Nötigung – versucht und vollendet – wurden im vergangenen Jahr 24 junge Kinder, davon 16 Mädchen. Die Gesamtzahl im Jahr davor: 25. Das sind jedoch nur die bekanntgewordenen Fälle, die tatsächliche Anzahl von Sexualdelikten gegen Kinder liegt im Dunkeln.

Die Verbrechen an Kindern werden nach Expertenaussage extremer. „Es gibt eine gesellschaftliche Enthemmung“, hat Ermittler Achim Holzmann vom Polizeipräsidium Heilbronn beobachtet. Er sichtet Unmengen von Bildern und Videos auf Kinderpornografie und schafft dadurch eine Möglichkeit, nicht nur die Besitzer des Materials strafrechtlich zu verfolgen, sondern auch diejenigen, die den dahinter liegenden Kindesmissbrauch begehen. Nach Worten des Kriminalbeamten gehören Babys und Kleinkinder zu den Opfern, Frauen tauchen als Täterinnen auf. Hinzu kommen Fetische wie Windeln, Fesseln oder Fäkalien. Besonders schockierte ihn die Vergewaltigung einer Vierjährigen durch zwei Männer gleichzeitig.

Täterprofil: Unauffällig und sozial angepasst

Tätertypen außerhalb des häuslichen Umfelds können sozial angepasste Lehrer, Erzieher, Bademeister oder Schwimmlehrer sein, die die Nähe von Kindern suchen und Tatmöglichkeiten erhoffen. „In deren Führungszeugnissen findet man keinen Eintrag“, sagt Martin Rettenberger von der Kriminologischen Zentralstelle in Wiesbaden. Schritt für Schritt führten sie Situationen herbei, in denen sie unbeobachtet ihre Taten begehen können.

Nach Beobachtung des Kinderschutzbundes versuchen die Täter, das Vertrauen von Kindern auszunutzen und sie zu manipulieren. „Dazu benutzen sie zum Beispiel Spielzeuge und Versprechungen als Lockmittel“, sagt Bundesgeschäftsführerin Cordula Lasner-Tietze. Das sei perfide: „Kinder können solche Manipulationen nicht durchschauen, denn in ihrem Urvertrauen können sich gar nicht vorstellen, dass ihnen jemand Übles will.“

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Die Ermittlungen gestalten sich je schwieriger, desto jünger die Kinder sind. „Man muss Suggestionseffekte ausschließen, darf ihnen also nichts in den Mund legen“, sagt Kriminologe Rettenberger. Fragen sollten offen gestellt werden. „Erzähl mir etwas von dem“, wäre ein Einstieg ins Gespräch mit einem womöglich missbrauchten Kind. Ein Vorteil habe das junge Alter: „Die Kleinen haben keine Motivation, aus Scham Dinge zu verheimlichen.“ Schuldgefühle, die ältere Kinder plagten, seien ihnen noch unbekannt.

Der Heilbronner Kinderporno-Ermittler Holzmann erklärt, warum er die belastende Arbeit auf sich nimmt. „Wir denken an die Opfer. Kinder haben ein Recht auf die eigene sexuelle Entwicklung – Erwachsene haben da nichts zu suchen.“ Besonders schlimm sei, dass die Opfer später häufig zu Tätern würden.

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