Aktion Tagessschau: „Sag’s mir ins Gesicht“ – ARD zensiert unbequeme Kritiker sogar im Live-Chat

in Medien

Von rt.com

 

Mit „Sag’s mir ins Gesicht“ startete die Tagesschau ein neues Facebook-Live-Format. Hater der Tagesschau oder der ARD haben die Möglichkeit, direkt mit Journalisten zu streiten. Den Anfang machte aktuell-Chef Kai Gniffke. Ihm folgte am 30. Mai Anja Reschke.

 

von Ole Olsonn

Nachdem ich das bereits erste „Sag’s mir ins Gesicht“-Live mit Spannung verfolgte, stieg am zweiten Tag des Experiments meine Neugier noch weiter.

Am Montag, dem 30. Mai 2017, war Anja Reschke angekündigt. Seit 2015 leitet sie die Abteilung Innenpolitik beim Norddeutschen Rundfunk (NDR). Dort moderiert sie seit 2001 das Magazin Panorama. Reschke wird, gerade im Internet, oft Arroganz vorgeworfen.

Ich halte mich für diesen Kommentar streng an die Inhalte des Lives mit Frau Reschke. Bei 01:10 werde ich das erste mal hellhörig. Reschke unterscheidet Kommentare zu ihrer Arbeit in „ganz reizende und nette“ und solche, die „ganz schön beleidigend sind“. Mir stellt sich die Frage, wo in diesen beiden Kategorien die Moderatorin kritische Kommentare einordnet. Dazu gibt es an dieser Stelle keine Antwort. Dafür stellt Anja Reschke die Frage, ob sich jemand traut, per Videokonferenz mit ihr zu reden, um zu äußern, was ihn oder sie stört.

Bei Minute 6:48 wird es für mich zum ersten Mal richtig interessant. Ein User wirft Reschke und ihrer Panorama-Redaktion Manipulation vor. Er hatte ein Wanted-Plakat entworfen. Darauf abgebildet sind Angela Merkel, Sigmar Gabriel und Joachim Gauck. Unter den jeweiligen Personen hat der Mann schriftlich begründet, warum er diesen Politikern Heuchelei, insbesondere in der Flüchtlingspolitik, vorwirft. Dieses Plakat stellte der Mann ins Internet. Panorama hat das Bild als Hintergrund auf einem Studiomonitor verwendet.

Die Bildmanipulation mit dem „Wanted“-Plakat

Dabei hat das Magazin aber nur das „Wanted“ mit den Politikerköpfen gezeigt. Die Begründungen unter den Personen hat man weggeschnitten. Auch erwähnte niemand, dass es solche im Original gibt, das Plakat in der Sendung somit nicht vollständig gezeigt wird. Die Redaktion – und das ist bedenklich – setzt also nur Teile eines Bildes in den Kontext „besorgte Bürger radikalisieren sich“. Das Original-Plakat endet mit der Zeile: „Die Flüchtlinge sind nicht das Problem“. Eine Radikalisierung ist schwer zu erkennen. Sehr eindeutig ist hingegen die Kritik an Politikern.

Hier trifft der oft erhobene Vorwurf des absichtlichen Weglassens durch die Medien auf ein klares Beispiel. Reschkes Erklärungsversucht folgt zügig, bleibt aber unbeholfen. Nur den oberen Teil zu nehmen, hatte ihr zufolge einen guten Grund. Hätte man das komplette Plakat gewählt, wäre nichts zu sehen gewesen. Das ist ein peinlicher Versuch, einer sehr konkreten Kritik auszuweichen.

Auf diese Situation folgt ein Einspieler, der so genannte Hate Speech definiert. Menschen mit guten Augen fällt auf, dass als Quelle die Amadeu Antonio Stiftung in der Grafik eingeblendet wird. Diese ist sehr umstritten. Ich frage mich, ob diese Stiftung wirklich geeignet ist, Hassrede zu definieren. So wirft dieser Beitrag eher neue Fragen auf, anstatt Antworten zu liefern.

Bei 15:58 beginnt ein weiteres interessantes Streitgespräch. Reschke diskutiert mit einem Ex-Polizisten.

 

Der Mann weist auf seine Erfahrungen an der Basis hin, spricht von geschönten Berichten in den so genannten Mainstreammedien. Die Innenpolitik-Chefin des NDR entgegnet, dass niemand die ultimative Wahrheit hat. Der ältere Herr verweist auf Zahlen zum Beweis seiner Darstellung, aber die Diskussion wird rasch beendet.

 

Und schon erscheint ein neuer Gesprächspartner im Bild. Frau Reschke, so scheint es, hat Oliver Janich nicht erkannt. Dieser Mann ist ein streitbarer Buchautor, Journalist und Klimaskeptiker. Er schrieb unter anderem für die Financial Times Deutschland und die Süddeutsche Zeitung. Kritiker werfen ihm vor, sich im verschwörungstheoretischen Bereich zu bewegen.

Auch Janich darf nicht lange reden

Gleich am Anfang geht Herr Janich auf seinen Vorredner, den Ex-Polizisten, ein und liefert konkrete Zahlen zur Ausländerkriminalität. Dabei stütze er sich, nach seinen Angaben, auf offizielle Zahlen des BKA. Reschke macht an dieser Stelle die unglücklichste Figur im Live von „Sag’s mir ins Gesicht“.

Schnell äußert Sie, man erkenne Probleme und berichte auch darüber, sie wehre sich aber gegen Pauschalisierungen. An dieser Stelle würde eine Diskussion beginnen. Da Reschke den Gesprächspartner aber schleunigst abwürgt, bleibt es bei der Nennung der Zahlen und Reschkes allgemeinen Erklärungen. Sehr schade, hier hätte es wirklich interessant werden können. Janich wäre ein unbequemer, aber wahrscheinlich ebenbürtiger Gesprächspartner gewesen.

Es folgen weitere interessante User. Allerdings entsteht der Eindruck, dass immer, wenn es konkret wird, zum Beispiel bei der Kritik an „Funk“, die Gespräche schnell beendet werden. Die Selbstdefinition des Formats liest sich wie folgt:

funk – das sind Online-Formate von ARD und ZDF für 14- bis 29-Jährige auf Drittplattformen wie Facebook, YouTube, Snapchat, aber auch in der eigenen funk App sowie auf der funk Webseite. funk ist also ein Inhalte-Netzwerk von ARD und ZDF, kein Kanal.

Reschke behauptet, nichts über Funk sagen zu können. Daher ist sie auch nicht bereit, sich mit dem Thema und den damit verbundenen Kritikpunkten auseinanderzusetzen. Auch dieser Moment wirkt befremdlich. In Reschkes Funktion muss man sich nicht mit jedem Format im Einzelnen auskennen. Dennoch kann man reagieren, wenn konkrete Kritik geäußert wird, diese zumindest zulassen. Inzwischen wirkt Reschke etwas gestresst. Vor dem Hintergrund der Begründung, alle, die anrufen, kommen auch dran, wenn es die Zeit erlaubt, wirken auch weitere Gespräche zum Teil gehetzt.

Ein Blick auf das Live lohnt sich auf jeden Fall. Allein das letzte Gespräch ist es wert. Bis hierher hatte die ARD die Information, dass es Vorgespräche gibt, bevor man zu Anja Reschke durchgeschaltet wird, nicht kommuniziert. Der Sender hatte eher den Eindruck erweckt, dass der Draht zur Moderatorin ein direkter wäre.

Vorgespräch mit Warnung vor Kritik an „Funk“

Ein junger Mann, der als YouTuber im Netz unterwegs ist, moniert, dass Hate Speech und legitime Kritik oft gleichgesetzt würden. Er stützt sich dabei auf seine eigenen Erfahrungen mit öffentlich-rechtlichen Angeboten.

Ob es daran lag, dass die geplante Zeit für das Live ablief, ist nicht nachzuweisen. Ein Facebook-Live muss nicht zwangsweise beendet werden. Dennoch wurden die Ausführungen des Users in aller Kürze behandelt. Dieser schloss dann mit dem Satz:

Mir wurde im Vorgespräch gesagt, ich solle nicht zu sehr auf Funk eingehen, da ging es besonders drum, da werde ich rausgeschmissen…

Und schon erscheint ein weiteres Fragezeichen über meinem Kopf. Wer nicht haten will, sich dafür aber lieber sachlich zu konkreten Ereignisse unterhalten, fliegt aus dem Live? Ist das die von der ARD angeregte, die geforderte neue Diskussionskultur? Bei allem Respekt, Frau Reschke, Ihr Facebook-Live war für mich in weiten Teilen ein Bespiel dafür, wie es nicht laufen sollte.

 

 

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