Deutschland gehen die Pflegekräfte aus und es wird noch schlimmer

in Gesundheit/Politik
100 offene Stellen, 21 Bewerber: Der Fachkräftemangel in der Pflege ist erheblich – und wird noch schlimmer werden. Die Politik rechnet mit viel zu kleinen Zahlen.

Von Tina Groll von zeit.de

Der viel zitierte Fachkräftemangel – in der Pflege ist er schon lange angekommen: Zahlen der Bundesregierung besagen, dass in der Branche mindestens 36.000 Fachkräfte fehlen. In der Krankenpflege sind gut 12.500 Stellen nicht besetzt; in der Altenpflege werden 15.000 ausgebildete Altenpflegerinnen und Altenpfleger sowie weitere 8.500 Helferinnen und Helfer gesucht. Das zeigt die Statistik der Bundesagentur für Arbeit (BA). Rein rechnerisch kommen auf 100 offene Stellen 21 Bewerber.

Und die Situation wird sich weiter verschärfen. Denn die Deutschen werden immer älter, und damit wächst auch die Zahl der Pflegebedürftigen. Schon heute sind das fast drei Millionen Menschen, das zeigt die Pflegestatistik des Statistischen Bundesamtes. Die allermeisten von ihnen – 73 Prozent – sind aber noch so selbstständig, dass sie zu Hause versorgt werden können. Ambulant vor stationär lautet auch die Devise der Politik.

Bei mehr als 1,3 Millionen Pflegebedürftigen kümmern sich ausschließlich die Angehörigen. Sie erhalten zwar Pflegegeld, aber keine Hilfe von Altenpflegern. Anders sieht es bei weiteren knapp 700.000 Pflegebedürftigen aus, die zwar zu Hause versorgt werden, aber auch Hilfe durch ambulante Pflegedienste benötigen. Weitere 27 Prozent der Pflegebedürftigen – das sind 783.000 Menschen – können nicht mehr allein leben und sind auf ständige Betreuung angewiesen.

172 Tagesuchen Arbeitgeber in der Altenpflege durchschnittlich nach Ersatz nach einer Kündigung

Insgesamt sind zwar mehr als eine Million Menschen in der Altenpflegetätig. Auch wenn das viel klingt: Es müssten eigentlich viel mehr sein. Denn einerseits arbeiten drei Viertel aller Beschäftigten in der Altenpflege in Teilzeit, andererseits gibt es immer weniger Angehörige, die die Pflege ihrer Verwandten übernehmen können. Oft leben die Kinder weit weg und sind beruflich stark eingebunden, sodass es ohne professionelle Hilfe nicht geht. Selbst wenn die Zahl der Pflegebedürftigen gleich bliebe, würde mit der sinkenden Zahl pflegender Angehöriger automatisch der Bedarf an ambulanter und stationärer Pflege wachsen – und damit der Bedarf an Fachkräften.

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Die Altenpflege ist eine wachsende Branche: Allein zwischen 2013 bis 2015 wurden 80.000 Stellen neu geschaffen, geht aus der Pflegestatistik des Statistischen Bundesamtes hervor. Das ist ein Anstieg um acht Prozent. Betrachtet man den Zeitraum seit dem Jahr 1999, ist es sogar ein Anstieg von 74 Prozent.

Heute arbeitet über eine Million Menschen allein in der Altenpflege. Mehr als 730.000 Fachkräfte sind in den 13.600 stationären Einrichtungen, also Alten- und Pflegeheimen, angestellt. Viele arbeiten aber Teilzeit, daher wären es eigentlich nur 525.000 Vollzeitstellen. Weitere 355.600 Pflegekräfte arbeiten bei rund 13.300 ambulanten Diensten. Auch hier ist die Teilzeitquote hoch. Würden alle Vollzeit arbeiten, käme man auf fast 239.000 volle Stellen in der ambulanten Pflege.

85 Prozent der Pflegekräfte sind Frauen. Fast drei Viertel der Beschäftigten arbeiten in Teilzeit; umgerechnet auf Vollzeitstellen käme man auf über 730.000 Pflegekräfte.

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Die Politik weiß um den Fachkräftemangel, immerhin spielte das Thema schon im Wahlkampf eine Rolle. Union und SPD vereinbarten im Koalitionsvertrag ein Sofortprogramm, wonach 8.000 zusätzliche Stellen geschaffen werden sollen – allerdings für die Alten- und Krankenpflege zusammen. Die Zahl ist zu niedrig angesetzt. Außerdem sind offene Stellen ohnehin nicht das Problem, sondern ausgebildetes Fachpersonal. Mit weiteren Stellen vergrößert sich daher erst einmal nur der Personalmangel.

Gleichwohl braucht Deutschland beides: mehr Stellen und viel mehr Fachkräfte. Doch schnell werden diese nicht zu finden sein. Zwar steigt die Gesamtzahl der Schülerinnen und Schüler in der Altenpflegeausbildung. Das zeigt der Berufsbildungsbericht 2017 der Bundesregierung. Aber das Wachstum reicht noch nicht einmal, um die heutige Lücke zu schließen.

Hinzu kommt: Durch die heutige Lücke werden die wenigen Fachkräfte, die es gibt, über Gebühr belastet und letztlich verheizt. Warum, ist schnell erklärt: Laut Engpassanalyse der Bundesagentur für Arbeitsuchten Arbeitgeber in der Altenpflege im vergangenen Jahr im Schnitt fast sechs Monate nach Ersatz, wenn eine Mitarbeiterin oder ein Mitarbeiter gekündigt hatte.

Das heißt: Wenn einer im Team geht, müssen alle anderen für mehrere Monate lang mehr Arbeit machen. Das verschleißt, entsprechend hoch ist der Krankenstand in der Branche. Oft bleibt Arbeit liegen. In der Altenpflege bedeutet das: Patienten bekommen nur das Nötigste. Manchmal nicht einmal das. Immer wieder gibt es Berichte über Missstände vor allem in Pflegeheimen.

Die Arbeitsbedingungen sind schlecht

Hinzu kommt, dass die Arbeitsbedingungen oft schlecht sind. Der Stress ist groß, die psychischen Belastungen und die körperlichen Anforderungen durch schweres Heben und Schichtdienste sind enorm, die Bezahlung ist dagegen vergleichsweise schlecht. Im Schnitt bekommen ausgebildete Altenpflegerinnen in Vollzeit 2.621 Euro brutto im Monat. Doch die Unterschiede beim Gehalt sind je nach Region groß. Während eine Altenpflegerin in Sachsen-Anhalt 1.985 brutto verdient, bekommt ihre Kollegin in Baden-Württemberg durchschnittlich 2.937 Euro brutto im Monat.

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2 Comments

  1. Diese Diskussionen sollte man aber auch ein wenig hinterfragen.

    Es ist hier ähnlich, wie mit der angeblich ach so maroden Bundeswehr. In Sachen BW holt man sich so die Legitimation mehr Steuergelder in die Rüstung zu stecken.

    Bei der Pflege sehe ich die Gefahr, dass man sich die Legitimation holen will, mehr Pflegekräfte aus dem Ausland zu holen. Dann geht das Lohndumping in die nächste Runde. Ausserdem lassen sich Menschen aus Osteuropa besser ausbeuten.

    Apropos „Menschen aus Osteuropa besser ausbeuten“ ….
    Es gab vor einiger Zeit Diskussionen darüber, das die Fahrer bei den Paketdiensten so schlechte Arbeitsbedingungen haben.
    Ich weiß nicht ob das flächendeckend so ist. Aber bei uns in der Gegend kommen nur noch Boten mit osteuropäischem Akzent. Zuletzt hat auch die DHL mehr und mehr an Subunternehmer ausgelagert. Da fällt mir das in letzter Zeit auch vermehrt auf.

    • Ergänzung:

      >>> Ich weiß nicht ob das flächendeckend so ist. Aber bei uns in der Gegend … <<<

      Mit der Gegend in der südbadische Raum gemeint, also relativ weit weg von den Grenzen zu den osteuropäischen Nachbarn.

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